In Ingenieur- und Informatikberufen waren im vierten Quartal 2025 so viele Menschen arbeitslos wie nie zuvor, 58.392. Gleichzeitig kamen auf 100 Arbeitslose immer noch 166 offene Stellen. Weil Anthropics Nutzungsdaten ausgerechnet die Softwareentwicklung weit oben zeigen, liegt eine KI-Erklärung nahe. Wir haben nachgesehen, was die Zahlen hergeben und was nicht.
Zwei Zahlen aus demselben Bericht, die sich zu widersprechen scheinen. In Ingenieur- und Informatikberufen waren im vierten Quartal 2025 so viele Menschen arbeitslos wie noch nie seit Beginn der Erhebung. Im selben Quartal kamen auf 100 Arbeitslose immer noch 166 offene Stellen. Weil gerade viel darüber geschrieben wird, dass KI Bürojobs übernimmt, liegt eine Erklärung nahe: Vielleicht sortiert die Automatisierung den technischen Arbeitsmarkt gerade neu. Anthropic misst inzwischen, wofür Menschen KI wirklich benutzen, und in diesen Daten steht die Softwareentwicklung ziemlich weit oben. Wir haben nachgesehen, ob die beiden Befunde zusammengehören. Die kurze Antwort: Sie überschneiden sich an einer Stelle auffällig, ein Beleg ist das aber nicht, und die Leute, die diese Zahlen erheben, sagen das selbst.
Der VDI und das Institut der deutschen Wirtschaft veröffentlichen jedes Quartal gemeinsam den Ingenieurmonitor. Für das vierte Quartal 2025 zählt er 58.392 Arbeitslose in Ingenieur- und Informatikberufen, ein Plus von 16,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Wert seit Erhebungsbeginn 2011. Die Zahl der offenen Stellen ging im selben Zeitraum um 18,2 Prozent auf 96.760 zurück.
Anthropic veröffentlicht regelmäßig, wofür Menschen Claude tatsächlich benutzen: rund eine Million echte Gespräche, aufgeschlüsselt nach einzelnen Arbeitsaufgaben. Keine Umfrage, keine Prognose, sondern eine Messung dessen, was Leute heute damit machen. Wir legen diese Daten auf die Berufe, die bei uns ausgeschrieben sind, und fangen dort an, wo das Signal am lautesten ist: in der Softwareentwicklung.
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Höchstwert seit 2011
18,2 % weniger als im Vorjahr
Engpasskennziffer, weiter über 100
Beides gleichzeitig ist kein Rechenfehler. Der Arbeitsmarkt für technische Berufe ist kein einziger Topf, sondern zerfällt in Teilbereiche, die sich unabhängig voneinander bewegen. Die Engpasskennziffer lag im vierten Quartal 2025 bei 166 offenen Stellen pro 100 Arbeitslosen, und die größten Engpässe bestehen in den Bauingenieurberufen mit 314 offenen Stellen je 100 Arbeitslosen. Wer Brücken, Netze und Gebäude plant, sucht also weiter in einem Markt, in dem drei Stellen auf eine suchende Person kommen. Wer aus dem Maschinenbau kommt, sucht in einem anderen.
Der Grund dafür ist unspektakulär. VDI-Direktor Adrian Willig ordnet ihn so ein: "Die schwache wirtschaftliche Entwicklung führt dazu, dass Unternehmen bei Investitionen und Neueinstellungen zurückhaltender sind. Daraus dürfen wir aber nicht ableiten, dass Deutschland künftig weniger technische Fachkräfte braucht." Die Rezession in Auto und Maschinenbau erklärt die kurzfristige Zahl, der demografische Ersatzbedarf die langfristige.
Während die offenen Stellen insgesamt um 18,2 Prozent zurückgingen, verzeichneten die Informatikberufe einen Rückgang von 33,0 Prozent. Von allen Teilbereichen trifft es die IT am härtesten, und zwar deutlich.
Das ist kein Ausreißer eines einzelnen Quartals. Eine eigene Auswertung des IW zum IT-Arbeitsmarkt zeigt denselben Einbruch schon ein Jahr früher: Die durchschnittliche Zahl offener Stellen in IT-Berufen sank 2024 gegenüber dem Vorjahr um 26,2 Prozent, in absoluten Zahlen um 16.500 auf 46.431. Am stärksten betroffen war ausgerechnet die höchste Qualifikationsstufe: Bei den Expertinnen und Experten fiel die Zahl offener Stellen von durchschnittlich 40.369 auf nur noch 26.753 und sank damit binnen eines Jahres um mehr als ein Drittel, minus 33,7 Prozent.
Wenn es einen Ort gibt, an dem man nach einem KI-Effekt suchen würde, dann hier. Hochqualifizierte Wissensarbeit, viel Bildschirm, viel Text, und genau die Berufsgruppe, die KI-Werkzeuge am frühesten und am intensivsten benutzt.
Anthropic veröffentlicht mit dem Anthropic Economic Index regelmäßig, wofür Menschen Claude tatsächlich benutzen, aufgeschlüsselt nach einzelnen Arbeitsaufgaben. Der Unterschied zu den meisten KI-Studien steht in Anthropics eigener Methodik: "We don't survey people on their AI use, or attempt to forecast the future; instead, we have direct data on how AI is actually being used." Keine Umfrage, keine Prognose, sondern gemessene Nutzung von rund einer Million echter Gespräche.
Wir haben diese Daten auf die Berufe gelegt, die bei uns ausgeschrieben sind, und zeigen sie im KI-Index jedes Berufs in zwei Werten: Augmentierung, wenn KI mit einem Menschen zusammenarbeitet, und Automatisierung, wenn KI eine Aufgabe direkt übernimmt. In unserer Auswertung liegt Sekretär:in mit 60 Prozent Automatisierung vorn, dicht gefolgt von Softwareentwickler:in mit 59 Prozent, während Solartechniker:in auf 40 Prozent und Ingenieur:in Erneuerbare Energien auf 30 Prozent kommt.
Damit hat die Ausgangsvermutung einen Punkt. Der Teilbereich mit dem stärksten Stellenrückgang ist derselbe, der in gemessener KI-Nutzung ganz oben steht. Und die klassische Bürorolle liegt sogar noch davor, während die Energiewende-Ingenieurrollen deutlich darunter bleiben. Wer die These aufstellt, dass es zuerst die beschreibbare Schreibtischarbeit trifft und nicht die technische Planung im Feld, findet hier Zahlen, die dazu passen.
Was hier fehlt, ist der Nachweis. Zwei Kurven, die in dieselbe Richtung zeigen, ergeben eine Überschneidung und noch keine Ursache.
Das IW hat genau diese Frage geprüft und beantwortet sie in derselben Studie, aus der der IT-Einbruch stammt. Der Satz dort lautet: "Ein Zusammenhang zwischen dem Rückgang offener Stellen und dem Einsatz von KI lässt sich derzeit nicht eindeutig belegen." Als Gründe nennt die Studie stattdessen die schwache konjunkturelle Entwicklung, die Unsicherheit über die weitere Wirtschaftslage, gekürzte Budgets für innovative Projekte und die Verlagerung von IT-Kompetenzen ins eigene Unternehmen oder ins Ausland.
Zur KI selbst schreiben die Autoren etwas, das der intuitiven Lesart direkt widerspricht: "Denn aktuell wird KI überwiegend ergänzend zur menschlichen Arbeit eingesetzt und nicht als Substitut." Die Studie verweist dabei auf Umfragen, nach denen Unternehmen wegen KI eher mit einem steigenden Bedarf an IT-Fachkräften rechnen. Was sich perspektivisch ändere, seien die Anforderungen an IT-Beschäftigte, nicht ihre Zahl.
Das deckt sich mit dem, was in den Anthropic-Daten unterhalb der Berufsebene steht. Der hohe Automatisierungswert für Softwareentwicklung ist ein Mittelwert über sehr ungleiche Aufgaben. Bestehende Software reparieren und anpassen liegt bei 71 Prozent Automatisierung, Fachbereiche und Kundschaft zum Projektstand beraten dagegen bei 19 Prozent Automatisierung und 77 Prozent Augmentierung. Gemessen übernimmt die KI also das Schreiben und Reparieren von Code. Die Klärung, was überhaupt gebaut werden soll und unter welchen Auflagen, taucht in denselben Daten als Zusammenarbeit auf.
Damit steht ein Zwischenstand und kein Ergebnis. Es gibt eine auffällige Überschneidung, es gibt keinen kausalen Beleg, und die Institute, die den Arbeitsmarkt vermessen, führen den Einbruch auf die Konjunktur zurück. Wer dir gerade erzählt, KI habe die Ingenieurjobs gekostet, geht über diese Quellen hinweg.
Für den Impact-Sektor können wir eine eigene Zahl beisteuern, weil wir die Stellen selbst führen. Stand 18. August 2026 sind bei uns 520 Stellen im Bereich Ingenieurwesen und Technik ausgeschrieben und 393 im Bereich Software, Daten und IT.
Wer sie durchsieht, findet nicht das Bild eines wegautomatisierten Berufsfelds. Digital Service4Germany baut mit einer Stelle als Platform Engineer Software für die öffentliche Verwaltung. Die Deutsche Energie-Agentur besetzt gleich zwei Rollen, IT-Portfoliomanagement und eine Projektstelle für digitale Technologien im Energiesektor, das Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes ein Business Applications Management. Auf der technischen Seite steht bei Climeworks eine Stelle als Lead EIC Engineer offen, beim DLR eine für Elektrotechnik im Bereich Navigationsempfänger, bei der ait Group eine Konstruktionsstelle für Wärmepumpen.
Auffällig ist eher, in welcher Rolle KI in diesen Anzeigen auftaucht: als gesuchte Qualifikation. MAXX SOLAR & ENERGIE schreibt eine Stelle als KI-Experte aus, ENWELO eine als KI- und IT-Manager. Die Technische Hochschule Brandenburg sucht akademische Mitarbeit für die Entwicklung eines KI-basierten Curriculumsmanagements. Das widerlegt die großen Zahlen nicht, aber es ist der Ausschnitt des Marktes, in dem du dich tatsächlich bewirbst.
Ein zweiter Befund aus derselben Durchsicht ist für Quereinsteigende relevant. Ein großer Teil der IT-Stellen im Impact-Sektor sind keine reinen Entwicklungsrollen, sondern Schnittstellen: Portfoliomanagement, Business Applications, Daten- und Informationsmanagement, technisches CRM, IT-Support mit Fachbezug. Das sind genau die Tätigkeiten, die in den Anthropic-Daten hohe Augmentierungswerte tragen, weil ihr Kern aus Abstimmung und Fachlichkeit besteht.
Der wichtigste praktische Punkt ist die Aufschlüsselung, nicht die Gesamtzahl. Es gibt keinen Arbeitsmarkt für Ingenieurberufe, es gibt mehrere, und sie stehen gerade sehr unterschiedlich da. Wenn du aus einem Teilbereich kommst, in dem die Konjunktur eingeschlagen hat, sagt die Gesamtzahl über deine Chancen wenig aus. Bauingenieurwesen mit 314 offenen Stellen je 100 Arbeitslosen ist ein anderer Markt als die Informatik mit ihrem Rückgang von 33 Prozent.
Für einen Wechsel in den Impact-Sektor kommt dazu, dass die Nachfrage hier von Infrastruktur, Energiewende und Verwaltungsmodernisierung getrieben wird und nicht von der Auftragslage der Autoindustrie. Offene Stellen bei NGOs und gemeinnützigen Organisationen findest du im NGO-Bereich, Stellen aus Green Tech und Energiewende im Bereich Nachhaltigkeitsmanagement, einen Überblick über die Berufe dahinter in unserem Beitrag zu Green-Tech- und Klimaschutz-Jobs.
Beim KI-Thema im Bewerbungsgespräch hilft dir Konkretheit mehr als eine Haltung. Sag, wofür du KI in deinem Alltag einsetzt und wofür nicht, und woran du merkst, wo die Grenze liegt. Das liest sich reflektierter als pauschale Begeisterung oder pauschale Ablehnung, und es passt zu dem, was die Daten zeigen: Der beschreibbare Teil deiner Arbeit wird billiger, der klärende Teil nicht. Wie unzuverlässig die Gegenrichtung ist, wenn KI über Bewerbungen entscheidet, haben wir uns in einer eigenen Auswertung angesehen.
Und wenn du wissen willst, wie dein eigener Beruf in den gemessenen Nutzungsdaten dasteht, kannst du das nachsehen: Die Werte für Augmentierung und Automatisierung stehen für jeden Beruf im KI-Index auf den baito-Trends.
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