Der Haushaltsentwurf 2027 kürzt den BMZ-Etat zum fünften Mal in Folge, auf 9,47 Milliarden Euro. Für deine Bewerbung entscheidet aber nicht die Gesamtzahl, sondern einzelne Haushaltstitel und eine zweite Zahl, die kaum jemand liest: die Verpflichtungsermächtigungen. Was davon jetzt schon in den Stellenanzeigen steht.
Am 6. Juli 2026 hat das Bundeskabinett den Haushaltsentwurf für 2027 beschlossen. Das Entwicklungsministerium soll darin 9,47 Milliarden Euro ausgeben dürfen, knapp 600 Millionen weniger als in diesem Jahr, und es ist das fünfte Jahr in Folge, in dem gekürzt wird. Wenn du gerade Stellen bei entwicklungspolitischen Organisationen anschaust, ist diese Gesamtzahl allerdings nicht die, die über deine Bewerbung entscheidet. Das tun ein paar einzelne Haushaltstitel, aus denen die Gehälter deutscher Nichtregierungsorganisationen bezahlt werden. Und beschlossen ist bisher nichts: Der Bundestag berät bis Ende November.
587 Mio. Euro weniger als im Soll 2026
Wenn du aus einem kaufmännischen Bürojob in den gemeinnützigen Sektor wechseln willst, scheitert das selten an der Motivation und oft an den Stunden. Wir haben deshalb auf unserem eigenen Board…
Homeoffice ja, aber selten ganz: In der Woche vom 18. bis 24. Mai 2026 war nicht einmal jede zwanzigste neue Impact-Stelle komplett remote ausgeschrieben. Die meisten sind vor Ort, gut ein Drittel hybrid.
In einer einzigen Woche zählt der baito Index 2.289 neue Stellen mit gesellschaftlichem Mehrwert, mehr als 300 pro Tag. Was hinter der Zahl steckt und warum sie eine Momentaufnahme ist.
laut VENRO ein neuer Tiefstand
humanitäre Hilfe: 1,25 Mrd. auf 678 Mio. Euro
Der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im Haushalt der Einzelplan 23, soll laut VENRO um mehr als 580 Millionen Euro auf 9,47 Milliarden Euro sinken. Die titelscharfe Analyse des Verbands beziffert die Differenz zum Soll 2026 auf 586,6 Millionen Euro, ein Minus von 5,8 Prozent, und den Anteil des Ministeriums am Gesamthaushalt auf einen neuen Tiefstand von 1,7 Prozent.
Es ist die fünfte Kürzungsrunde nacheinander. Der Evangelische Pressedienst rechnet vor, dass 2023 noch 12,16 Milliarden Euro zur Verfügung standen und im laufenden Jahr 10,05 Milliarden. Finanzminister Lars Klingbeil sprach von „harten Entscheidungen, die wir treffen müssen".
Die Mittel für humanitäre Hilfe stehen nicht im BMZ-Etat, sondern beim Auswärtigen Amt. Dort bleibt der Ansatz mit 1,05 Milliarden Euro praktisch unverändert. Das sieht auf den ersten Blick nach der einzigen guten Nachricht im Entwurf aus. Es ist aber die Stelle, an der es für Projektstellen am ehesten wehtut, und der Grund dafür steht in einer zweiten Zahl, die neben jedem Haushaltstitel mitläuft.
Ein Ministeriumsetat ist kein Topf, aus dem gleichmäßig abgeschöpft wird. Er besteht aus einzelnen Titeln, und deutsche Organisationen hängen an ganz bestimmten davon. Wenn eine NGO in Berlin, Bonn oder Hamburg eine Projektstelle ausschreibt, steht dahinter meistens einer dieser Posten.
Der Titel „Förderung entwicklungswichtiger Vorhaben privater deutscher Träger und der Sozialstruktur" ist die klassische Kofinanzierung: Eine deutsche NGO bringt Eigenmittel ein, das BMZ legt den größeren Teil dazu, daraus entsteht ein Projekt mit Personal. Er sinkt um 8,8 Prozent. VENRO weist darauf hin, dass die Mittel für zivilgesellschaftliche Auslandsarbeit im Zuge der Zusammenlegung zweier Förderlinien überproportional stark reduziert werden, entgegen früheren Zusagen des Ministeriums.
Die kirchliche Zusammenarbeit, aus der unter anderem die großen Werke ihre Programme finanzieren, verliert 17 Millionen Euro. Der Zivile Friedensdienst und die Austausch- und Entsendedienste, über die ein großer Teil der Auslandseinsätze läuft, sinken ebenfalls. Am härtesten trifft es die Krisenbewältigung und den Wiederaufbau: von 710,8 auf 434,9 Millionen Euro, ein Minus von 38,8 Prozent. In diesem Bereich steckt die sogenannte Übergangshilfe, das Instrument zwischen akuter Nothilfe und langfristiger Entwicklung. VENRO hält es für möglich, dass sie komplett entfällt.
Ein Posten steigt: die entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Deutschland, um 3,5 Millionen Euro. Dort sitzen die Promotor:innen-Programme, das Globale Lernen und die Bildungsreferate der Verbände.
Neben den Ausgaben steht in jedem Haushaltstitel eine zweite Zahl, die Verpflichtungsermächtigungen. § 6 der Bundeshaushaltsordnung nennt sie „Ermächtigungen zum Eingehen von Verpflichtungen zur Leistung von Ausgaben in künftigen Jahren". Sie bestimmen, wie viel Geld eine Behörde heute für die Jahre danach verbindlich zusagen darf.
Für Projektarbeit hängt daran fast alles. Ein Dreijahresprojekt braucht eine Dreijahreszusage, und eine Dreijahresstelle braucht ein Dreijahresprojekt. Wer schon einmal einen befristeten Vertrag mit dem Zusatz „vorbehaltlich der Mittelbewilligung" unterschrieben hat, kennt die Mechanik von der anderen Seite.
Genau hier steht die auffälligste Zahl des Entwurfs. Bei den humanitären Hilfsmaßnahmen im Ausland bleibt der Barmittelansatz mit 1,05 Milliarden Euro fast gleich, die Verpflichtungsermächtigungen sinken aber von 1,25 Milliarden auf 678 Millionen Euro, also um 45,8 Prozent. Bei der Krisenprävention und Friedensförderung wiederholt sich das Muster: Die Ausgaben stagnieren bei 328 Millionen, die Verpflichtungsermächtigungen fallen um 33,6 Prozent.
Auf dem Papier steht dort also kein Einbruch. In der Personalplanung einer Organisation sieht es anders aus, weil die Zusagefähigkeit für die Folgejahre wegbricht. Das bedeutet weniger neue Mehrjahresprojekte, und damit weniger neue Stellen mit einer Laufzeit, für die sich ein Umzug lohnt.
Michael Herbst, Vorstandsmitglied bei VENRO, ordnet die Lage so ein: „Das humanitäre System ist massiv unterfinanziert. In diesem Jahr sind aktuell gerade mal 34 Prozent der notwendigen Mittel für humanitäre Hilfe gesichert."
Wir haben am 7. August 2026 die Anzeigen auf baito durchgesehen, die wirklich in die internationale Zusammenarbeit gehören, und kommen auf rund 30 aktive Ausschreibungen. Zwei Dinge fallen daran auf.
Erstens die Vertragsform. Zwölf davon sind ausdrücklich als befristet ausgeschrieben, vier weitere sind Werkstudierenden- oder Honorartätigkeiten. Bei den Projektstellen ist die Befristung so selbstverständlich, dass sie kaum noch begründet wird: Die Berghof Foundation sucht befristet für ihr Projekt zu Transitional Justice und Wiederaufbau, die Siemens Stiftung für ein EU-finanziertes Vorhaben in vier afrikanischen Ländern mit zwei Jahren Laufzeit, die Frankfurt School für ein Projektmanagement mit Enddatum.
Zweitens, und das ist der interessantere Befund: Neun der rund 30 Anzeigen suchen keine Programmleute, sondern Leute fürs Geld. Manager:innen für institutionelle Partnerschaften (War Child Deutschland), Grant Acquisition (World Vision), Projektfinanzen (Save the Children), Grants und Compliance (Oxfam Deutschland), Monitoring, Evaluation und Learning sowie Finanzen (Aid by Trade Foundation), Evaluation und Wirkungsorientierung (medica mondiale). Dazu zwei Rollen, die sich klar von den öffentlichen Töpfen wegbewegen: Private Großspenden und Unternehmenskooperationen bei SOS MEDITERRANEE, Philanthropie-Beratung mit Schwerpunkt Neugeschäft bei der UNO-Flüchtlingshilfe.
Das ist die Reaktion auf eine Haushaltslage, die noch gar nicht beschlossen ist. Wenn institutionelles Geld knapper wird, stellen Organisationen zuerst die Menschen ein, die anderes Geld hereinholen und das vorhandene sauber abrechnen. Der Arbeitsmarkt in diesem Feld schrumpft also nicht gleichmäßig, er verschiebt sich zu den Rollen an der Finanzierung.
Schau dir die Geberstruktur an, nicht nur die Organisation. Im Jahres- oder Transparenzbericht steht, welcher Anteil des Budgets aus öffentlichen Mitteln kommt und welcher aus Spenden, Stiftungen oder EU-Programmen. Ein Träger, der überwiegend an BMZ-Titeln hängt, ist im kommenden Jahr anders exponiert als einer mit breiter Spendenbasis.
Frag im Gespräch nach dem Projekt hinter der Stelle: aus welchem Titel sie finanziert wird, wie lange die Bewilligung läuft, ob eine Anschlussfinanzierung beantragt ist. Das ist keine misstrauische Frage, sondern eine fachliche, und wer sie beantworten kann, hat eine belastbare Planung. Wer ausweicht, sagt dir damit auch etwas. Wie du in diesem Sektor überhaupt gute Fragen stellst, steht in unserem Ratgeber zum Vorstellungsgespräch im NGO-Sektor.
Nimm die Funktionen ernst, die auch bei knappem Etat gebraucht werden. Fördermittelmanagement und Fundraising sind derzeit die stabilsten Einstiege in den Sektor, auch für Quereinsteigende aus Vertrieb, Controlling oder Verwaltung. Antragslogik, Berichtswesen und Zuwendungsrecht lernt man auf der Stelle, und wer sie kann, wird gerade gesucht.
Und schau nach Bonn. Ministerium, Durchführungsorganisationen und viele Fachverbände sitzen dort, die Stellendichte in der internationalen Zusammenarbeit ist entsprechend hoch. Ein Blick auf die Organisationen und Jobs in Bonn lohnt sich, auch wenn du bisher vor allem auf Berlin geschaut hast.
Die Beratungen laufen bis Ende November, und Änderungen sind in diesem Verfahren üblich. Ein Bündnis aus mehr als 15 Organisationen, darunter Brot für die Welt, Misereor, Oxfam, terre des hommes und die Welthungerhilfe, hat dazu eine Petition gestartet, die Ende Juli bei 65.000 Unterschriften stand und zu Beginn der Haushaltswoche im September übergeben werden soll.
Für deine Suche heißt das vor allem: nicht abwarten. Ausschreibungen richten sich nach Projektstarts, nicht nach Lesungen im Bundestag. Welche Organisationen in Deutschland in diesem Feld arbeiten, siehst du in der Übersicht der NGOs und gemeinnützigen Organisationen. Wenn dir dabei Begriffe wie Kofinanzierung, ODA oder Wirkungsorientierung begegnen, hilft das baito Impact Wörterbuch. Und wie sich der Impact-Arbeitsmarkt insgesamt bewegt, kannst du im baito Index Woche für Woche mitlesen.
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