KI ersetzt bisher kaum ganze Jobs, sie übernimmt einzelne Aufgaben daraus. Das IAB beziffert für 2022, dass 38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen arbeiten, in denen…

KI ersetzt bisher kaum ganze Jobs, sie übernimmt einzelne Aufgaben daraus. Das IAB beziffert für 2022, dass 38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen arbeiten, in denen über 70 Prozent der Tätigkeiten technisch automatisierbar wären. Ausgeschöpft wird dieses Potenzial nicht automatisch. Wo die Grenze zwischen Aufgabe und Beruf verläuft, entscheidet, welche Rollen bleiben.
Keine, wenn man die Frage wörtlich nimmt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schreibt in seinem Kurzbericht 5/2024 zu den Substituierbarkeitspotenzialen: „Angesichts des Hypes um die Potenziale generativer KI lässt sich zudem festhalten, dass es momentan fast keine Berufe gibt, die dadurch vollständig substituiert werden könnten.“
Das IAB misst deshalb nicht Berufe, sondern Tätigkeiten. Das Substituierbarkeitspotenzial gibt an, welcher Anteil der Aufgaben eines Berufs technisch von Computern erledigt werden könnte. Unter 30 Prozent gilt als niedrig, zwischen 30 und 70 Prozent als mittel, über 70 Prozent als hoch.
Auf dieser Skala hat sich zwischen 2019 und 2022 etwas verschoben: Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen mit hohem Potenzial stieg von 34 Prozent (11,34 Millionen) auf 38 Prozent (13,03 Millionen). Das klingt viel, ist im Vergleich zu den Jahren davor aber ein gebremster Anstieg. Zwischen 2013 und 2016 lag er bei 10 Prozentpunkten, zwischen 2016 und 2019 bei 9.
Der wichtigste Satz des Berichts steht weiter hinten, und er ist der Grund, warum ein hoher Wert kein Kündigungsschreiben ist: „Substituierbarkeitspotenziale [werden] keineswegs immer und vor allem nicht sofort ausgeschöpft.“ Ob eine Tätigkeit tatsächlich automatisiert wird, ist laut IAB das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, nicht der Technik allein. Ethische Abwägungen, rechtliche Vorgaben, Kosten und der Wert, den Menschen menschlicher Arbeit beimessen, entscheiden mit.
Am oberen Ende stehen die Fertigungsberufe mit 87,9 Prozent, gefolgt von den fertigungstechnischen Berufen mit 74,8 Prozent. Danach kommen die Büro- und Schreibtischrollen: Unternehmensführung und -organisation 68,0 Prozent, unternehmensbezogene Dienstleistungen 66,5 Prozent, Handel 65,9 Prozent.
Zwei Befunde daraus sind für Impact-Berufe relevant.
Erstens: Am stärksten gestiegen ist das Potenzial dort, wo es bis dahin als klein galt, nämlich in den IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen. Sie liegen jetzt bei 52,5 Prozent. Das IAB nennt Beispiele auf Berufsebene: Bei Journalist:innen und Schriftsteller:innen stieg der Wert von 20 auf 40 Prozent, bei Hörfunk- und Fernsehsprecher:innen von 14 auf 43 Prozent, bei Betriebswirt:innen in der Industrie von 46 auf 69 Prozent. Die Zuwächse fielen umso stärker aus, je höher das Anforderungsniveau war. Das IAB hält dabei fest, dass der Anteil substituierbarer Tätigkeiten in Expertenberufen trotzdem noch immer geringer ist als auf anderen Anforderungsniveaus.
Zweitens: Am unteren Ende der Skala stehen die sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufe mit 13,5 Prozent und die Gesundheitsberufe mit 26,5 Prozent. Sie sind die einzigen beiden Segmente, die unter der Schwelle von 30 Prozent bleiben und damit als niedrig gelten.
Bevor eine Technik Jobs verändert, muss sie im Betrieb ankommen. Der IAB-Kurzbericht 8/2026 hat das erstmals für Deutschland erhoben: Der Anteil der Betriebe, die generative KI nutzen, ist von 5 Prozent im Jahr 2023 auf knapp 25 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Weitere 9 Prozent planten den Einsatz, 67 Prozent nutzten sie nicht.
Der Blick auf die Intensität dämpft das Bild noch einmal. 90 Prozent der Nutzerbetriebe greifen zu allgemein zugänglichen Modellen, 16 Prozent zu eingekauften und mit eigenen Daten trainierten, 6 Prozent entwickeln eigene. 45 Prozent haben im letzten Geschäftsjahr überhaupt Geld für die Technologie ausgegeben. Große Betriebe sind deutlich weiter: 48 Prozent der Betriebe mit 200 und mehr Beschäftigten nutzen generative KI, bei Betrieben mit bis zu 9 Beschäftigten sind es 21 Prozent.
Das IAB ordnet die eigene Zahl selbst als Untergrenze ein, weil Beschäftigte KI auch ohne Wissen des Betriebs verwenden. Es verweist dafür auf eine Erhebung, nach der 2025 in Deutschland 31 Prozent der Beschäftigten KI beruflich genutzt haben.
Der deutsche Arbeitsmarkt schrumpft gerade, und die Zahlen liegen offen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren im 2. Quartal 2026 rund 45,7 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig, 212.000 weniger als ein Jahr zuvor (minus 0,5 Prozent). In der Information und Kommunikation nahm die Beschäftigung um 24.000 Personen ab (minus 1,5 Prozent), bei den Unternehmensdienstleistern um 52.000 (minus 0,8 Prozent).
Nur: Diese Statistik nennt keine Ursache. Sie zeigt, wo Beschäftigung zurückgeht, nicht warum.
Wer eine Antwort darauf sucht, findet bisher wenig Belastbares. Michael Stops und Lennert Peede haben am IAB Stellenanzeigen daraufhin ausgewertet, welche Betriebe KI-Kompetenzen nachfragen, und die Beschäftigung in diesen Betrieben verfolgt. Ihr Befund: „Die Beschäftigung in diesen Betrieben entwickelte sich nicht viel anders als in Betrieben, die keine KI-Kompetenzen nachfragten.“ Die Ausnahme ging in die andere Richtung als erwartet: In hochkomplexen Tätigkeiten wuchs die Beschäftigung bei diesen Betrieben etwas stärker. Stops ordnet das so ein: „Von größeren Verdrängungseffekten gehen wir in dieser frühen Phase nicht aus.“
Diese Auswertung ist von 2024 und damit älter als der aktuelle Nutzungsschub. Sie beweist nicht, dass es dabei bleibt. Sie ist aber der Stand dessen, was für Deutschland gemessen ist, und der ist bislang unspektakulär.
Auf unserem Berufe-Explorer zeigen wir für einzelne Berufe den KI-Index. Er beruht auf dem Anthropic Economic Index, und das ist der Punkt, der ihn von Prognosen unterscheidet: Grundlage sind echte Gespräche echter Nutzer:innen mit Claude, aufgeschlüsselt nach den Aufgaben eines Berufs. Anthropic beschreibt den eigenen Ansatz so: „We don't survey people on their AI use, or attempt to forecast the future; instead, we have direct data on how AI is actually being used.“
Der Index hat zwei Lesarten. Automatisierung (KI übernimmt) heißt, die Aufgabe wird abgegeben. Augmentierung (KI unterstützt) heißt, jemand arbeitet mit dem Modell an der Aufgabe weiter. Für fünf Rollen, die im Impact-Sektor häufig ausgeschrieben werden, sieht das so aus:
| Rolle | Automatisierung (KI übernimmt) | Augmentierung (KI unterstützt) |
|---|---|---|
| Softwareentwickler:in | 58,5 % | 39,9 % |
| Übersetzer:in | 53,3 % | 44,6 % |
| Projektmanager:in | 43,6 % | 39,4 % |
| Nachhaltigkeitsmanager:in | 40,2 % | 15,5 % |
| Fundraiser:in | 27,5 % | 68,8 % |
Werte aus dem baito-KI-Index, Datenstand 05.02.2026.
Interessanter als die Rollenebene ist die Aufgabenebene darunter. Für Fundraising führt der Index 16 Aufgaben, und nur 6 davon tauchen in den Gesprächen überhaupt auf. Auf eine einzige entfällt der weitaus größte Teil des gemessenen Signals: Pressemitteilungen schreiben, Material für Media-Kits vorbereiten, Webseiten pflegen. Sie wird zu 71,4 Prozent augmentiert und zu 26,7 Prozent automatisiert, ist also überwiegend gemeinsame Arbeit. Beim Zusammenstellen von Förderanträgen liegt die Automatisierung mit 34,9 Prozent höher, die Augmentierung bei 54,1 Prozent. Bei der Recherche zu möglichen Spender:innen kippt es fast: 47,7 Prozent Automatisierung, 38,6 Prozent Augmentierung.
Und die Aufgaben, zu denen es kein einziges Signal gibt: Beziehungen zu Spender:innen, Behörden und Medienvertreter:innen aufbauen und pflegen. Das Fundraising-Team anleiten und dessen Arbeit prüfen. Spendenveranstaltungen planen und durchführen. Das Spendenbudget verantworten.
Das ist die Trennlinie, um die es geht. Nicht Beruf gegen Beruf, sondern Textarbeit gegen Beziehungsarbeit, und beides steckt in derselben Stellenbeschreibung.
Eine Lücke gehört dazu: Für Sozialarbeit liefert der Index gar keine Werte, weil in den Gesprächen zu wenig Signal ankommt. Das ist eine Datenlücke und kein Sicherheitsnachweis, und wir sagen es lieber dazu, als die Lücke als Ergebnis auszugeben. Wie der Index insgesamt zu lesen ist, haben wir in Was sagen Anthropics Daten über den deutschen Arbeitsmarkt? ausführlicher aufgeschrieben.
Auf unserem Board standen am 21.08.2026 4.038 offene Stellen. Was dort ausgeschrieben wird, passt nur teilweise zur Erzählung vom Stellenabbau durch KI.
Der auffälligste Punkt betrifft ausgerechnet die Rolle mit dem höchsten Automatisierungswert unserer Auswahl. Softwareentwicklung liegt bei 58,5 Prozent, und gleichzeitig liegen 373 der offenen Stellen im Branch Software, Data und IT. KI taucht dort nicht als Wegfallgrund auf, sondern als Aufgabe: Das appliedAI Institute for Europe sucht gleich mehrfach (Senior AI Engineer, Principal AI Engineer, AI Consultant), Proxima Fusion einen AI Solutions Engineer, DKMS LIFE eine:n Senior KI Solution Engineer, die AfB gGmbH eine:n AI Enablement Manager:in, Space-Eye eine Stelle für Data Science und Machine Learning. Das sind gemeinnützige Träger, Impact-Startups und Green-Tech-Unternehmen, keine Tech-Konzerne.
Für die klassischen Impact-Rollen gilt die Aufgabenlogik von oben. Im Nachhaltigkeitsmanagement wird die Datenerhebung fürs Reporting berechenbarer, die Abstimmung mit Kommunen, Lieferanten und Aufsichtsbehörden nicht. Im NGO-Bereich trifft es den Antrags- und Berichtsteil härter als die Arbeit mit Förderern, Ehrenamtlichen und Partnerorganisationen. Wie sich das in der Energiewende auswirkt, wo ein großer Teil der Arbeit ohnehin vor Ort stattfindet, haben wir in Green-Tech- und Klimaschutz-Jobs beschrieben. Und in den sozialen Berufen liegt der Anteil automatisierbarer Tätigkeiten nach IAB-Rechnung ohnehin am niedrigsten von allen Segmenten.
Drei Dinge, die sich aus den Zahlen ableiten lassen.
Prüfe Aufgaben, nicht Berufsbezeichnungen. Der Berufstitel sagt wenig darüber, wie viel Textproduktion, Recherche und Standardauswertung tatsächlich in der Stelle steckt. Genau das ist der Teil, der sich gerade verschiebt. Im Berufe-Explorer kannst du dir das je Beruf ansehen.
KI-Kompetenz ist inzwischen ein Bewerbungsargument. Stops und Peede haben gezählt, wie oft Stellenanzeigen KI-Kompetenzen verlangen: 2015 war es weniger als eine von tausend Stellen, 2019 mehr als zwei von tausend, und bis etwa 2022 hat sich dieser Bedarf noch einmal verdoppelt. Das ist absolut immer noch wenig, aber die Richtung ist eindeutig, und im Impact-Sektor werden diese Rollen inzwischen eigenständig ausgeschrieben.
Beziehungsarbeit ist nicht nur ein warmes Wort. Sie ist der Teil einer Stelle, für den der Index keine Daten findet, weil sie in keinem Chatfenster stattfindet. Aushandeln, vor Ort sein, Vertrauen halten: Wer eine Rolle sucht, die davon viel enthält, sucht damit auch eine, deren Kern schwer abzugeben ist.
Wenn du dir ansehen willst, wie solche Rollen gerade konkret aussehen: Unsere offenen Stellen sind nach Aufgabenprofil und Feld filterbar, und wie Arbeitgeber im Impact-Sektor ihrerseits mit KI im Bewerbungsprozess umgehen, steht in KI im Recruiting.
In Ingenieur- und Informatikberufen waren im vierten Quartal 2025 so viele Menschen arbeitslos wie nie zuvor, 58.392. Gleichzeitig kamen auf 100 Arbeitslose immer noch 166 offene Stellen. Weil Anthropics Nutzungsdaten ausgerechnet die Softwareentwicklung weit oben zeigen, liegt eine KI-Erklärung nahe. Wir haben nachgesehen, was die Zahlen hergeben und was nicht.
Anthropic veröffentlicht regelmäßig, wofür Menschen Claude tatsächlich benutzen: rund eine Million echte Gespräche, aufgeschlüsselt nach einzelnen Arbeitsaufgaben. Keine Umfrage, keine Prognose, sondern eine Messung dessen, was Leute heute damit machen. Wir legen diese Daten auf die Berufe, die bei uns ausgeschrieben sind, und fangen dort an, wo das Signal am lautesten ist: in der Softwareentwicklung.
GuideDie Windenergie beschäftigt in Deutschland mehr Menschen als jede andere erneuerbare Technologie. Trotzdem denken die meisten beim Stichwort Windkraft-Job an genau eine Rolle: jemand, der bei Wind…
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