Wer im Sozialsektor oder bei einer NGO eine Stelle immer wieder neu ausschreibt, sucht die Ursache meist im Recruiting selbst: falsche Kanäle, zu wenig Gehalt, eine zu lange Bewerbungsstrecke. Eine…
Wer im Sozialsektor oder bei einer NGO eine Stelle immer wieder neu ausschreibt, sucht die Ursache meist im Recruiting selbst: falsche Kanäle, zu wenig Gehalt, eine zu lange Bewerbungsstrecke. Eine aktuelle IAB-Auswertung zeigt einen Teil des Problems, der vorher liegt. Berufswechsel haben in Deutschland seit 2013 spürbar zugenommen, am stärksten in den unteren und mittleren Lohnbändern. Genau dort stellt der Impact-Sektor ein.
Eine Auswertung von Buhmann und Fitzenberger im IAB-Forum beruht auf einer 2-Prozent-Stichprobe der Integrierten Erwerbsbiografien (IEB). Als Berufswechsel gilt darin jede Änderung der dreistelligen Berufsklassifikation (KldB 2010), über 140 Berufsgruppen hinweg.
Das Ergebnis: 2024 lag die berufliche Mobilität bei Männern um 16 Prozent höher als 2013, bei Frauen um 10 Prozent. Das sind relative Zuwächse, keine Prozentpunkte. 2013 wechselten 13 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen ihren Beruf, 2024 war der Anteil entsprechend höher. Die Autor:innen betonen zudem, dass der Anstieg nicht nur eine Verschiebung zwischen Branchen ist, sondern die Mobilität in den meisten Berufen selbst gestiegen sein dürfte.
Eine zweite Zahl aus der Studie braucht einen eigenen Absatz, weil sie leicht mit der ersten verwechselt wird: Bei Männern im untersten Lohnquintil liegt die sogenannte Umschlagshäufigkeit bei fast 38 Prozent, im obersten Quintil nur bei knapp 23 Prozent. Das ist keine Berufswechsel-Quote, sondern misst, wie oft eine Stelle in diesem Lohnsegment neu besetzt wird. Die Richtung ist trotzdem eindeutig: Je niedriger das Lohnniveau, desto höher die Bewegung. Eine Aufschlüsselung nach Berufsgruppen liefert die Studie nicht. Eine Aussage wie "in der Sozialen Arbeit wechseln X Prozent" wäre also erfunden. Die Brücke zum Impact-Sektor läuft über das Lohnniveau, nicht über eine direkte Zahl.
Genau das Lohnsegment, das das IAB als besonders mobil beschreibt, ist die typische Vertragsstruktur im Impact-Sektor. Der baito-Index für die Woche vom 27. Juli bis 2. August 2026 zeigt das an den eigenen Zahlen: 482 neue Stellen, 7.536 aktiv. 27 Prozent davon befristet, 43 Prozent Teilzeit, nur 42 Prozent mit erkennbarer Tarifbindung. Nur 17,4 Prozent der Anzeigen nennen überhaupt ein Gehalt, unter diesen liegt der Median bei 50.286 Euro und das untere Viertel bei 34.320 Euro. Die größte Einzelbranche ist Soziale Arbeit und Pädagogik mit 34 Prozent aller neuen Stellen.
Homeoffice ja, aber selten ganz: In der Woche vom 18. bis 24. Mai 2026 war nicht einmal jede zwanzigste neue Impact-Stelle komplett remote ausgeschrieben. Die meisten sind vor Ort, gut ein Drittel hybrid.
In einer einzigen Woche zählt der baito Index 2.289 neue Stellen mit gesellschaftlichem Mehrwert, mehr als 300 pro Tag. Was hinter der Zahl steckt und warum sie eine Momentaufnahme ist.
Ein Lebenslauf, hundertmal durch dasselbe KI-Tool geschickt, kein einziges Zeichen geändert. Heraus kamen Scores zwischen 66 und 99 von 100. Was das für eure Vorauswahl bedeutet.
Das ist strukturell genau das Profil, das laut IAB am häufigsten den Beruf wechselt: viele befristete und Teilzeitverträge, ein großer Teil ohne klare Tarifbindung, ein Gehaltsniveau im unteren bis mittleren Band. Eine weitere Stellenausschreibung löst das Problem nicht, wenn am anderen Ende des Teams jemand geht. Sie kompensiert nur, was vorne verloren geht, meist zu einem höheren Preis, als die Person zu halten gekostet hätte.
Wie teuer schwache Bindung wird, zeigt der Gallup Engagement Index Deutschland 2025. Nur 10 Prozent der Beschäftigten sind emotional hoch an ihren Arbeitgeber gebunden, 77 Prozent nur gering. 13 Prozent gelten als innerlich gekündigt: formal noch da, gedanklich schon weg. Gallup beziffert den daraus entstehenden Produktivitätsverlust für die deutsche Wirtschaft 2025 auf über 119 Milliarden Euro.
Für einen knapp finanzierten Träger oder ein Impact-Startup wiegt das doppelt. Jede offene Stelle kostet Zeit für Ausschreibung, Auswahlgespräche und Einarbeitung, Zeit, die eigentlich Programmarbeit sein sollte. Bindung lässt sich dabei auch ohne Gehaltsrunde bewegen: über Führung, über die Praxis bei befristeten Verträgen, über klare Entwicklungspfade und über ein Onboarding, das eine neue Person nicht allein lässt. Wer Gehalts- und Tarifstrukturen transparent macht, zum Beispiel über einen TVöD-Rechner, nimmt vielen Beschäftigten schon die erste, banalste Wechselüberlegung.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt eine Fallstudie von Neue Narrative über sozKom, einen sozialen Träger mit 135 Beschäftigten. Früher haben Kündigungen dort das ganze Team verunsichert, weil die Gründe oft im Dunkeln blieben. Heute gibt es einen mehrstufigen Prozess, der genau das verhindern soll: erst Selbstreflexion der beobachtenden Person, dann ein direktes Feedbackgespräch, erst danach kommt die Führungsebene mit einer Zielvereinbarung ins Spiel. In den zwei Jahren seit Einführung ist der Prozess nur fünfmal über die zweite Stufe hinausgegangen, zwei davon endeten in einer einvernehmlichen Lösung statt einer Kündigung. Das ist keine Fluktuationsquote, aber ein konkretes Beispiel dafür, dass Bindung eine Frage von Prozessen ist und nicht nur von gutem Willen.
Bevor die nächste Stelle wieder online geht, lohnt sich der Blick zurück: Warum ist die letzte Person eigentlich gegangen, und wäre das mit besserer Führung oder klareren Perspektiven vermeidbar gewesen? Wie ihr eine Stellenanzeige schreibt, die die richtigen Leute erreicht, bleibt wichtig, gerade weil KI-gestütztes Recruiting den Auswahlprozess in den kommenden Monaten weiter verändert. Aber die günstigste offene Stelle ist die, die gar nicht erst entsteht. Wie sich Gehalt und Tarifbindung in eurer Branche gerade entwickeln, zeigt baitos Tarifhub, aktuell offene Positionen im Sektor listet die NGO-Übersicht.

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