Die Werke der deutschen Windindustrie sind derzeit zu fast 95 Prozent ausgelastet. Trotzdem rechnet nur noch knapp jeder fünfte Betriebsrat damit, dass sein Unternehmen im kommenden Jahr Leute…

Die Werke der deutschen Windindustrie sind derzeit zu fast 95 Prozent ausgelastet. Trotzdem rechnet nur noch knapp jeder fünfte Betriebsrat damit, dass sein Unternehmen im kommenden Jahr Leute einstellt. Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber ein Zeitversatz: Auslastung heute ist der Auftragsbestand von gestern, und eine Einstellung ist eine Wette auf übermorgen. Wir haben uns angesehen, woher die Zahlen kommen, was sie wirklich sagen und welche Windjobs auf unserem Board gerade tatsächlich offen sind.
Am 14. September hat die IG Metall Küste ihre Windumfrage 2026 veröffentlicht. Befragt wurden im Sommer Betriebsräte aus 34 Unternehmen der Windindustrie mit zusammen rund 27.700 Beschäftigten, von der Fertigung über die Zulieferung bis zum Service für Onshore- und Offshore-Anlagen. Erhoben hat sie die Beratungsgesellschaft WMP consult.
Die Auslastung der befragten Betriebe liegt bei fast 95 Prozent. Und trotzdem ist die Erwartung eingebrochen:
| Was die Betriebsräte erwarten | Vorjahr | 2026 |
|---|---|---|
| bessere Auftragslage in den kommenden zwei Jahren | 59 % | 18 % |
| rückläufige Aufträge | 23 % | 25 % |
| Stellenaufbau im eigenen Betrieb | 32 % | 18 % |
| Stellenabbau im eigenen Betrieb | 35 % | 29 % |
| positive Perspektive für die deutsche Windindustrie | 59 % | 21 % |
In absoluten Zahlen: Die Betriebsräte erwarten für die kommenden zwölf Monate den Abbau von mehr als 680 Arbeitsplätzen, dem stehen 70 geplante Neueinstellungen gegenüber.
Lies die Tabelle genau, denn die interessanteste Zeile ist nicht die, über die berichtet wird. Der Anteil der Betriebe, die mit Stellenabbau rechnen, ist gesunken, von 35 auf 29 Prozent. Was eingebrochen ist, ist die Hoffnung: die Erwartung neuer Aufträge von 59 auf 18 Prozent, die Erwartung von Stellenaufbau von 32 auf 18 Prozent. Die Branche plant also nicht plötzlich massenhaft Entlassungen. Sie hört auf, mit Wachstum zu rechnen. Für jemanden, der einsteigen will, ist das der relevantere Befund, weil genau daran die offenen Stellen hängen.
Dazu kommt eine Zahl, die auf den ersten Blick gar nicht dazu passt: 60 Prozent der Betriebe berichten von Problemen bei der Stellenbesetzung. Knappe Fachkräfte und gestrichene Einstellungen schließen einander nicht aus, sie betreffen nur unterschiedliche Stellen. Die Ausbildungsquote ist auf 4,4 Prozent gestiegen, aber nur 12 Prozent der Betriebe wollen ihre Ausbildung ausweiten.
Zur Einordnung gehört noch etwas: Die IG Metall ist hier nicht neutral. Sie führt die Befragung, um industriepolitischen Druck zu erzeugen, und 100 Prozent der befragten Betriebsräte sagen erwartungsgemäß, die Windindustrie brauche mehr industriepolitische Aufmerksamkeit. Das entwertet die Zahlen nicht, sie stammen aus den Betrieben selbst. Es heißt nur, dass die Auswahl der Fragen ein Ziel hat.
„Die Betriebe sind heute noch gut ausgelastet, aber die Beschäftigten schauen mit großer Sorge auf die kommenden Jahre.“
Daniel Friedrich, Bezirksleiter IG Metall Küste
Wer nur auf den Ausbau schaut, versteht die Stimmung in den Werken nicht. Denn der Ausbau läuft. Im ersten Halbjahr 2026 wurden Genehmigungen für 1.419 Windenergieanlagen mit 9.150 Megawatt erteilt, 14 Prozent mehr Leistung als im Vorjahreszeitraum und der höchste Wert, der je in einem ersten Halbjahr genehmigt wurde. Die Auswertung stammt von der Fachagentur Wind und Solar im Auftrag des Bundesverbands WindEnergie und des VDMA Power Systems, also der Branche selbst.
Nur landet eine Genehmigung nicht als Auftrag im Werk. Dazwischen liegen mehrere Stationen, und jede einzelne kostet Zeit.
Das Verfahren dauerte 2026 im Bundesdurchschnitt knapp 17 Monate, im Median 12 Monate.
Erst ein Zuschlag der Bundesnetzagentur sichert die Vergütung. Ohne ihn wird in der Regel nicht gebaut.
Jetzt erst entsteht der Auftrag, den ein Werk in seine Auslastung rechnen kann.
Von der bezuschlagten Leistung bis zur laufenden Anlage vergehen erfahrungsgemäß fast zwei Jahre.
An dieser Kette hängt die ganze Erklärung. Die 95 Prozent Auslastung von heute speisen sich aus Zuschlägen, die vor rund zwei Jahren vergeben wurden. Was die Werke im Jahr 2028 zu tun haben, entscheidet sich in den Ausschreibungen von jetzt. Und dort sieht es anders aus als bei den Genehmigungen: Das im ersten Halbjahr 2026 zugeteilte Volumen lag bei 5.940 Megawatt und damit 21 Prozent unter dem des ersten Halbjahrs 2025, obwohl die Gebotsmenge das ausgeschriebene Volumen um das Zweieinhalbfache überstieg. Es fehlt also nicht an baureifen Projekten, sondern an ausgeschriebenem Volumen, das sie in Aufträge verwandelt.
Der Stau, der daraus entsteht, ist inzwischen beträchtlich. Zur Jahresmitte 2026 waren rund 7.800 genehmigte Windenergieanlagen mit 48,1 Gigawatt registriert, für die noch keine Inbetriebnahme gemeldet war. Davon hatten etwa 4.610 Anlagen mit 28,7 Gigawatt einen gültigen Zuschlag. Für den Rest, gut 19 Gigawatt, gilt: genehmigt, baureif, aber ohne Zuschlag und damit ohne Bestellung.
Genau das ist der Grund, warum ein Werk gleichzeitig ausgelastet sein und keine neuen Leute einstellen kann. Zum Vergleich: Tatsächlich ans Netz gingen im ersten Halbjahr 423 neue Anlagen mit 2.363 Megawatt.
So viel zur Industrie. Dich interessiert an dieser Stelle vermutlich etwas anderes: welche Windjobs gerade überhaupt ausgeschrieben sind.
Wir haben dafür am 25. September 2026 alle 7.559 Stellen durchgezählt, die zu diesem Zeitpunkt auf baito live waren, und ihre Anzeigentexte nach Windenergie durchsucht. 196 Anzeigen nennen das Thema. Nach Handprüfung bleiben 180 Stellen bei 52 Arbeitgebern, deren Geschäft die Windenergie ist, also 2,4 Prozent des Boards. Die übrigen 16 Treffer stammen aus Betrieben, bei denen Wind nur in einem Nebensatz vorkommt.
Ordnest du diese 180 Stellen den Stationen aus der Kette weiter oben zu, verschiebt sich das Bild:
Die Seite, die die IG Metall befragt hat, ist auf dem Board die kleinste. Auf 29 ausgeschriebene Stellen in Herstellung und Zulieferung kommen 151 in Service, Betriebsführung, Projektentwicklung und Bau. Ein einziger Wartungsdienstleister, die Deutsche Windtechnik, schreibt mit 40 Stellen mehr aus als alle fünf Hersteller und Zulieferer auf dem Board zusammen.
Dahinter steckt dieselbe Logik. Der Anlagenbestand in Deutschland wächst weiter, Ende Juni waren es 29.248 Anlagen mit knapp 70 Gigawatt. Jede einzelne davon muss gewartet, überwacht, versichert und abgerechnet werden, unabhängig davon, wie viele neue bestellt werden. Der Betrieb hängt am Bestand, die Fertigung hängt am Auftragseingang. Das sind zwei verschiedene Konjunkturen.
Drei weitere Dinge aus derselben Auswertung, die du wissen solltest:
Die meisten Windjobs sind keine Techniker-Jobs. Nur 21 der 180 Titel enthalten überhaupt ein technisches Handwerkswort wie Techniker, Monteur oder Elektriker. Nach Berufsfeld ist Engineering mit 75 Stellen die größte Gruppe, danach kommen Finanzen und Buchhaltung mit 27, Recht und Verwaltung mit je 10, dazu Projektmanagement, Kommunikation, Business Development und IT. Wer eine kaufmännische oder planerische Ausbildung hat, findet hier mehr, als das Klischee der Branche vermuten lässt. Das deckt sich mit dem, was wir schon für die gesamte Energiewende gemessen haben.
Befristung ist hier kaum ein Thema. Nur 12 der 180 Stellen sind befristet ausgeschrieben. 158 tragen Vollzeit, 18 Teilzeit und 14 sind Werkstudierendenstellen, wobei eine Anzeige mehrere dieser Angaben tragen kann.
Gehalt steht fast nirgends drin. Nur 12 der 180 Anzeigen nennen überhaupt eine Zahl. Sie liegen im Median bei 56.500 Euro im Jahr, aber zwölf Anzeigen sind zu wenig für eine belastbare Aussage über die Branche. Rechne im Gespräch selbst und geh nicht davon aus, dass die Anzeige dir die Spanne verrät.
Die Betriebsräte begründen ihre Erwartung nicht mit dem Wetter, sondern mit Politik. Deshalb gehört der laufende Gesetzgebungsprozess in diesen Text, und zwar mit beiden Seiten.
Das Bundeskabinett hat am 29. Juli 2026 die EEG-Novelle und ein Netzanschlusspaket beschlossen. Für die Windenergie an Land werden zusätzlich 12 Gigawatt ausgeschrieben, das wirkt in die Richtung, die der Branche fehlt. Gleichzeitig soll die Entschädigung für abgeregelten Strom an Standorten mit Netzengpass teilweise entfallen. Die Begründung der Bundesregierung: Der Zubau soll sich stärker am Netz orientieren, und die Redispatch-Kosten von zuletzt über drei Milliarden Euro jährlich sollen sinken.
An dieser Stelle lohnt sich ein genauer Blick, denn hier stehen zwei Beträge nebeneinander, die leicht durcheinandergeraten. Die Bundesnetzagentur weist für 2025 Gesamtkosten des Netzengpassmanagements von 3.071 Millionen Euro aus. Davon entfielen 1.359 Millionen Euro auf Reservekraftwerke, 1.176 Millionen auf den Redispatch mit konventionellen Kraftwerken und 102 Millionen auf Countertrading. Die Entschädigung für abgeregelte erneuerbare Anlagen, also der Posten, an den das Gesetz herangeht, betrug 433 Millionen Euro, rund 14 Prozent der Gesamtsumme. Abgeregelt wurden dabei 3,5 Prozent der gesamten erneuerbaren Stromerzeugung.
Beides ist wahr: Der Posten ist real und er wächst mit jedem Windpark in einer netzschwachen Region. Und er ist nicht die Drei-Milliarden-Zahl, mit der die Maßnahme begründet wird. Wer die beiden verwechselt, führt eine Debatte über die falsche Größenordnung.
Was das für die Beschäftigten bedeutet, ist offen und genau deshalb umstritten. Am 24. September, am Tag der ersten Lesung, haben über 180 Beschäftigte gemeinsam mit der IG Metall Küste auf der Windmesse protestiert. Die Sorge dahinter ist dieselbe wie in der Befragung: Wenn Projekte in netzschwachen Regionen unrentabel werden, fallen Bestellungen weg, und die Bestellung von heute ist die Auslastung von 2028.
Wir sagen dir nicht, wie du das finden sollst. Uns interessiert die Seite der Rechnung, die in der Debatte sonst fehlt: dass an jedem dieser Paragrafen Arbeitsplätze hängen, mit einer Verzögerung von rund zwei Jahren, und dass diese Verzögerung der Grund ist, warum die Folgen sichtbar werden, wenn die Entscheidung längst gefallen ist.
Die kurze Antwort: einsteigen ja, aber mit offenen Augen dafür, auf welcher Seite der Kette du landest.
Der Betrieb ist stabiler als die Fertigung. Service, Wartung und technische Betriebsführung hängen am Anlagenbestand, und der wächst weiter. Fertigung und Zulieferung hängen am Auftragseingang, und der ist das, worüber die Betriebsräte sich sorgen. Wenn dir Sicherheit wichtig ist, such auf der Betriebsseite.
Frag im Gespräch nach dem Auftragsbestand, nicht nach der Auslastung. Die Auslastung ist gut, das sagt dir jedes Unternehmen. Die interessante Frage lautet, bis wann die Bücher gefüllt sind und woraus. Wer das offen beantwortet, hat vermutlich eine belastbare Antwort.
Unterschätze die kaufmännischen und planerischen Rollen nicht. Auf unserem Board sind sie die Mehrheit. Vertragsmanagement, Buchhaltung, Flächensicherung, Genehmigungsplanung, Asset Management und IT sind Windjobs, auch wenn du nie auf einen Turm steigst.
Quereinstieg ist in diesem Feld normal. Die Branche ist zu jung für gewachsene Standardlebensläufe. Welche Wege es konkret gibt und was sie verlangen, haben wir in unserem Überblick zu Windkraft-Jobs onshore und offshore aufgeschrieben, und der breitere Einstieg steht in Jobs in der Energiewende.
Schau dir den Rest des Feldes mit an. Wind ist ein Teil der Energiewende, nicht ihr Ganzes. Wo sonst noch eingestellt wird, zeigt unsere Übersicht zu Green-Tech- und Klimaschutz-Jobs.
Wie sich die Nachfrage nach einzelnen Berufen über die Wochen bewegt, kannst du im baito Index selbst nachsehen. Willst du direkt schauen, was gerade offen ist: Alle Stellen, die wir zählen, stehen in der Jobsuche.
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